Zeichen des Himmels

Costa Blanca Nachrichten Nr. 1850
31. Mai 2019 – „Zeichen des Himmels“

Vorabveröffentlichung aus meinem neuen Buch.

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Zeichen des Himmels

Heute war ein warmer Herbsttag, ich lud Franz ein, mit mir durch den Park vor der Kirche und den Friedhof zu spazieren.

Auf dem Friedhof sind einige Künstler- und Dichtergräber, die mit aufwändigen Skulpturen versehen sind. Es beruhigt uns ältere Herrschaften, zu sehen, wie selbst hierzulande Kunst auf dem Friedhof zu finden ist und man nicht für immer vergessen sein wird. Wir waren eigentlich keine wirklichen Künstler, hatten bisher eher unauffällig ein wohlsituiertes Leben gelebt, dennoch blieb so etwas wie Hoffnung. Hoffnung auf eine Skulptur am Ende unserer Tage.

Sie lachen?

Hoffnung ist wie eine kleine Wolke, die im Abendlicht rosarot leuchtet, um in den Himmel zu ziehen. Aus „Gun Love“ möchte ich dazu das Mädchen Pearl mit einer Frage an den Pfarrer zitieren, ob man in den Himmel kommen könne, die er so beantwortete „wir sehen doch den Himmel, also können wir auch dahin kommen“. Das wäre wie eine Skulptur auf dem Grab haben, lachten wir.

Grabskulptur

Wir hielten uns leicht an den Händen. Er hatte seine groben Lederhandschuhe an und ich legte meine kalte Hand in seine Handschuh-Hand. Wir lächelten über unseren Schabernack, taten so, als ob das ein kleiner Scherz nur zwischen uns beiden wäre, den wir aber insgeheim jeder für sich sehr ernst meinten, ohne es dem anderen zu zeigen.

Die kahlen Bäume wiegten sich leicht im Wind, unsichtbare Vögel zitterten leichte Töne hinauf ins All. Fast am Tor des Friedhofes angekommen, ließ uns ein ohrenbetäubender Krach, ein Knall, ein Poltern, zerschmetternde Teile zum Anhalten zwingen. Weitaufgerissene Augen rasten hier und dort hin, streiften uns gegenseitig, das Umfeld, das Tor, den Himmel, als ob Gott zu uns sprechen wollte. „Was war das?“, war die Augenfrage auf der Suche. Ich wollte nach vorne, Franz nach hinten, also blieben wir wie angewurzelt stehen. An den Rändern der Augenwinkel blitzte etwas silbern, lag etwas in kurvenreicher Gestalt. „Lass uns nachsehen“, sagte Franz und wedelte mit seiner Handschuh-Hand in die Richtung des Emporloderns.

Ich wagte kaum, mich zu nähern, aber Franz schritt entschlossen, aber mit zitternden Beinen nach rechts hinter uns, zog mich zu seinem Schutz hinter sich her. Meine Augen begannen vor Aufregung und starrem Schauen zu tränen. Das machte die Sicht nicht klarer.

Skulpturen des Ruhms ?

Vor uns lag ein zusammengekrümmtes Teil des Himmels, ein Asteroid, ein gefallener Stern, ein längliches silbernes Teil, leicht gekrümmt, als ob es ein gebrochenes Engelsbein wäre. Staunend, durcheinander und sprachlos standen wir vor diesem Zeichen des Himmels. Waren wir zu hochmütig gewesen? Bestraft von den Göttern des Olymps, als wir mäßig interessanten Menschen uns Skulpturen des Ruhms auf unserem zukünftigen Grabe vorstellten? Oder, dachte ich, war es ein Hinweis des Himmels, uns noch zu verschonen, uns aufmerksam auf unser gegenwärtiges Glück zu machen, weil wir knapp dem Zerschmettern durch den zerstörerischen und tödlichen Fall eines gebrochenes Engelsbein entgangen waren. Laute Rufe, Schreckensschreie aus allen Richtungen durchbrachen unsere erschrockene Stille. Menschen, Kirchgänger eilten herbei, beobachteten uns, durchsuchten uns mit ihren Augen nach möglichen Wunden auf unseren Gesichtern und Körpern. Als sie uns ohne Worte taxiert hatten und kein Blut sahen, wendeten sie sich laut rufend, mit den Fingern auf den Engel zeigend ins Leere, den Himmel. Von dort aber kam keine Antwort. „Der Pfarrer muss her, der Küster, die Polizei, der Krankenwagen!“, rief man durcheinander. Jemand telefonierte hektisch und sprach laut Unverständliches. Wir schwiegen und näherten uns vorsichtig näher und näher. Franz zog seinen Handschuh aus, ich konnte nicht erkennen, warum er das tat.

Engelsbein?

Dann beugte er sich plötzlich sehr geschwind und behände hinunter, fasste das Engelsbein mit seiner nackten Hand an und „Mann, das ist ein Stahlteil“ und warf Blicke um sich herum, die Menge verharrte leise fauchend, aber aufmerksam mit Abstand zu Franz und dem Silber-Teil. Franz blickte erst auf sie, dann auf den Friedhof, dann in die Höhe und meinte den Kirchturm schwanken zu sehen. Er seufzte deutlich. „Himmel“ und „Was ist das bloß?“ Ein kleiner Junge deutete hinauf. In den Himmel, den Kirchturm? „Da“, quickte er, „da fehlt was an der Uhr, da oben.“ Wie auf Befehl fuhren alle Gesichter nach oben, die Blicke kreuzten sich an der Kirchturm-Uhr. Die einen sahen nichts, die anderen das Zifferblatt, die dritten den Stundenzeiger, der ruhig auf vier Uhr verharrte. Den Minutenzeiger aber sahen sie nicht da oben. Denn der lag als Engelsbein gebrochen, geknickt und zerborsten vor ihnen im Herbstlaub.

„Oh weh“, rief eine junge herausgeputzte Dame mit weißem Hündchen an der Leine. Was hatte sie da zu suchen, das war der Platz für die Kirchgänger und die Toten. Ob sie wohl ihren Hund auf dem Friedhof Gassi führen wollte, dachte sich mancher leicht angewidert und entrüstet. „Ein Zeichen des Himmels“, jammerte sie. Für was denn? Für sie? Für uns? Keiner beachtete sie weiter. Jetzt schritten die Männer zur Tat, hoben das Engelsbein hoch, das nun zu einem lächerlich verkrümmten Minutenzeiger geworden war. „Mann-o Mann, wenn der auf uns gefallen wäre!“, brüllte Franz und hob schützend seine andere noch behandschuhte Hand über mich und meinen Kopf, so als ob er wirklich glauben würde, dass seine abgewetzten Lederhandschuhe über meinem Kopf mich vor dem Engels-Fall hätte schützen können. „Das Ding ist zwei Meter lang und von da oben ist es etwa vierzig Meter gefallen. Das macht ein Aufschlaggewicht von etwa 400 Kilo aus. Oder so.“, schnaufte er sichtlich erschüttert. Über sein Glück, über seine neuen Chancen als Überlebender dieses Beinahe Todes. Alle, einschließlich mir blickten auf ihn in anerkennender Ehrfurcht, so als ob er uns alle mit dieser einen behandschuhten Hand gerettet und vor der Katastrophe beschützt hätte.

Dann brach ein Durcheinander an Stimmen los, Polizei kam und befragte mögliche Zeugen. Franz zeigte sich kooperativ mit ihnen, zog seinen zweiten Handschuh wieder an und nahm mich danach schützend zur Seite.

Ein Held

So wurde Franz zum Helden. Eine hübsche Skulptur auf seinem Grab war in Reichweite gerückt, wenn es dann in weiter Ferne dazu kommen sollte. Eine Skulptur aus silbrigen Engelsbeinen.